WARUM DAS GANZE …

Wir gehen in den Supermarkt, wollen Käse kaufen. Laufen an den Kühlregalen vorbei, sehen eine Packung goldgelber Scheiben, die uns gut gefallen. Die sehen aus wie Käse, wir erinnern uns, dass wir als Kinder schon gern und regelmäßig Scheibenkäse gegessen haben, und packen sie ein. Günstig, praktisch, lecker.

Bis wir uns die Zutatenliste ansehen. Dass Milch erst an vierter Stelle erscheint, auf einer Liste mit 30 Zutaten, das ist uns früher nie aufgefallen – oder es hat uns nicht interessiert. Zum Glück gibt es soetwas wie eine Pflicht zur Angabe der Zutaten auf Lebensmitteln! Jetzt können wir, als echte Käsefreunde, in Zukunft doppelt überlegen, ob wir so ein im Labor designtes Industrieprodukt kaufen, das mit Käse nur den Namen gemein hat, oder doch lieber schauen, ob wir nicht einen
richtigen, handgemachten Käse ohne all die chemischen Zusatzstoffe kaufen wollen. Eine schöne Geschichte mit Happy End. Bei Rum ist es doch gewiss ähnlich? Leider nein. Er gilt nicht als Lebensmittel, sondern als Genussmittel und muss keine Zutaten- oder Nährwertliste mitbringen, eine der wenigen Ausnahmen der Deklarationspflicht in der EU. Aber was sollte da auch draufstehen, schließlich ist es Rum, rein und sauber. Nun, zwei Dinge sind schonmal gesetzlich in der EU erlaubt – der Zusatz von Zucker und von Zuckerkulör. Dies allein war schon für die meisten Rumfreunde vor ca. 2015 eine große Überraschung – Zuckerzusatz, in meinem Premiumrum? Viele der bis dahin großen Namen wurden in einem Bildersturm von ihrem Thron gefegt, gelten unter Kennern heute eher als Einsteigerprodukte ohne großen Anspruch. Als dann noch herausgefunden wurde, dass manche nicht nur die erlaubten Zusatzstoffe, sondern auch klar unerlaubte mitbringen (Glycerin, Aromastoffe und ähnliches), spaltete sich die Rumwelt in drei Lager. Die, die diese Zustände nicht hinnehmen wollten und sie hart bekämpften, auf verschiedene Art und Weise; die, denen es egal war, die nicht an Produktionsmethoden interessiert waren, sondern ihren Geschmack in den Vordergrund stellten; und die, die es weiterhin nicht wissen und denken, ihr Lieblingsprodukt aus Südamerika sei einfach handwerklich gut gemacht. Für diese letzten ist diese Artikel eigentlich gedacht.

Warum ist das Thema immer noch wichtig? Eines muss klar gesagt werden – selbst kleine Mengen Zucker führen schnell zu einer dramatischen Veränderung des sensorischen Eindrucks. Es geht dabei darum, dass unsere natürliche Veranlagung zu süßen Dingen uns dazu verleitet, Süßes als begehrenswerter wahrzunehmen. Auch ist Zucker nicht nur ein extrem effektiver Geschmacksverstärker, sondern auch ein Kantenabschleifer; ein mittelmäßiges Destillat wirkt durch etwas Zuckerbeigabe runder, weniger alkoholisch, allgemein hochwertiger. Während Zucker nun noch erlaubt ist (bis 2021 faktisch unbegrenzt, „zur Abrundung des Geschmacks“, ab 2021 bis zu 20g pro Liter), sieht es mit ab und zu gesehenen Zusatzstoffen anders aus. Glycerin macht eine Spirituose geschmeidig und rund, wird oft in Wodka oder Gin eingesetzt, dort ebenso illegal wie bei Rum. Aromastoffe schließlich muss man nicht erklären – schmeckt ein Rum sehr stark nach Orange, Kaffee oder Pflaume, so solltest Du Dich immer fragen, ob das natürlich entstanden sein kann. Kann es, ist aber eher selten. Versuche haben gezeigt, dass ein einfacher weißer Basisrum, versetzt mit etwas Zucker, Glycerin und Zuckerkulör, von vielen für einen 12 Jahre alten Rum gehalten wird. Das Interesse mancher Hersteller, die sich nur für den Gewinn und nicht für Rum an sich begeistern, an solchen Methoden ist klar.

Es ist nun 2020. Wer sich etwas mit Rum beschäftigt, stößt schnell auf allerlei Information bezüglich Zusatzstoffen. Wir wollen hier weiterhin aufklären, ohne überdramatisch immer zu verteufeln, wo ein kühler Kopf angebrachter wäre. Sollte also ein Lieblingsprodukt von Dir, lieber Leser, hier etwas schlecht abschneiden, versuche Dich zu fragen – was ist Dir wichtig? Geht es Dir nur um Deinen persönlichen Geschmack, oder interessierst Du Dich auch über diese Oberfläche hinaus für Rum? Ist Transparenz ein Thema für Dich, oder macht es Dir nichts aus, wenn ein Hersteller Dich täuscht? Wenn letzteres, musst Du Dir einfach eine dicke Haut zulegen, und mit dem Echo leben. Wir hoffen aber, Dich davon überzeugen zu können, dass es lohnenswert ist, sich für den Hintergrund genauso zu interessieren, wie für den reinen Geschmack.

Du wirst diesbezüglich als Einsteiger erleben, dass insbesondere die Produkte, die viele Einsteiger gern loben, aber tatsächlich ihre gesamte Aromatik aus künstlichen Zusätzen beziehen, von Kennern veralbert werden. Fühle Dich nicht persönlich davon angegriffen, denn es geht dabei hauptsächlich um das Produkt, nicht darum, Deinen Geschmack anzugreifen. Viele von uns Kennern haben ihre „guilty pleasures“, Dinge, die objektiv betrachtet nicht astrein sind, uns aber einfach gut schmecken.

Doch der Unterschied sollte Dir klar sein – wir werden es ungern sehen, dass diese Laborprodukte in dem Umfeld, das uns am Herzen liegt, zusammen in einem Atemzug mit handwerklich guten, sauberen, ehrlichen Destillaten genannt werden. Man darf Schmelzkäse mögen, doch darf sich nicht wundern, wenn man schräg angeschaut wird, wenn man mit dieser Vorliebe in einem Käseforum hausieren geht.

Um Dir das zu ersparen, wollen wir neutral und ohne Anklage aufklären. Sei Dir deshalb bewusst, dass der erste Kommentar zu einem neuen Rum, den Du Dir gekauft hast und stolz darauf bist, oft ein aufklärerischer sein wird. Wir werden Dich auf eventuellen Zuckergehalt und Zusatzstoffe, aber auch auf unsaubere Produktionsmethoden oder Marketingblabla hinweisen. Nochmal – das ist dann kein Angriff auf Dich oder Deinen Geschmack, sondern auf täuscherische Produkte und Hersteller. Denn sie betrügen nicht nur Dich, sondern machen auch den Herstellern, die ehrlich und mit viel mehr Aufwand arbeiten müssen, das Leben schwerer.

Du interessierst Dich für das Thema weiter? Du willst wissen, wie man als Laie eigentlich erkennen (oder sogar messen!) kann, ob der Rum, den Du im Glas hast, sauber ist oder getrickst wurde? Willst vielleicht selbst sogar teilnehmen an der weltweiten Initiative von Rumfreunden, die andere dabei unterstützen, korrekte, informierte Kaufentscheidungen treffen zu können? Dann lies den Folgeartikel dazu, wie man mit einfachen, billigen Mitteln selbst herausfinden kann, ob die Süße, die Dein Gaumen schmeckt, durch handwerkliche Kunst entstanden ist, oder durch schnöden Zucker.